Short Corner 03 - 20. Januar 2003

   

Schon wieder Alltag

Der Alltag hat uns wieder. Fast alle sind heute morgen wieder ihrer Arbeit und ihrem Studium nachgegangen, nur wenige Stunden nach der 11. Europameisterschaft, die die Herrenteams des DHB über die 29 Jahre erreichten (im Programmheft übrigens fein unterschieden zwischen fünf Siegen, die "FRG" bis 1988 erreichte und weiteren fünf für "GER" seit 1991). Leider haben die Junx viel zu selten Gelegenheit, solche Erfolge richtig auszukosten. So mußten wir schon eine halbe Stunde nach der Siegerehrung auf dem Bus sitzen, der uns zum letzten Flieger des Tages via Barcelona nach Frankfurt bringen sollte. Gerade noch Gelegenheit, alle Biervorräte vor dem einzigen Kiosk vor der Halle aufzukaufen. Keine Sorge, die waren nicht groß. Trotzdem zu viel für Buddy, der unseren Bus zu einem dringenden PP-Halt mitten auf der Autobahn zwang. Die meisten erreichten noch irgendwann zwischen 2 und 3 Uhr des Nachts die Heimat, für Berliner und Hamburger ging nach 22.30 Uhr ab Frankfurt nichts mehr. Aber heute morgen um 8 Uhr saßen sowohl Philip Sunkel als auch ich wieder an unseren Schreibtischen, waren Tibor und Buddy wieder in ihrer Uni. Wie alle anderen auch.

Hallenhockey ist,... und am Ende Deutschland gewinnt?

So freuten sich die Junx wenigstens über die vielen netten SMS einiger Freunde und Fans, die begeistert Anteil nahmen. Das offizielle Deutschland hat es wahrscheinlich noch gar nicht wahrgenommen. Gewinnen die Junx einfach zu häufig, zu leicht? Ist die Europameisterschaft einfach zu selbstverständlich? So einfach war es auch in Santander nicht. Daß Deutschland gleichwohl so souverän agierte, war das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitung, überlegenener taktischer Planung und hervorragender individueller Fähigkeiten aller Spieler. Deutschland hatte einmal mehr 12 gleichwertige Spieler, war von den Torhütern bis zu den Stürmern besser besetzt. Natürlich profitieren alle von den Erfahrungen der Hallenbundesliga. Aber ich behaupte, daß keine Bundesligamannschaft allein in Santander den Titel errungen hätte. Die Gegner haben aufgeholt und vieles abgeschaut, haben sich deutsche Trainer geholt (Jens Lüninghöner bei den Schweizern) oder bereiten sich wie die auch in Santander trainierenden Australier schon seit einiger Zeit in Europa auf die WM vor. Einige Eckenvarianten bei unseren Gegnern kamen Bernhard Peters schon sehr vertraut vor. Ein Wunder im Zeitalter von Video und sekundenschneller weltweiter Kommunikation?

Prima Teamleistung

Aber die Junx haben auch prima gespielt. Im Halbfinale und Finale merkte man ihnen an, wie sie in der Lage sind, sich zu konzentrieren, wenn es darauf ankommt. Da war der Sturm Domke/Michel wieder voll da, da lief es auch bei Philip Sunkel endlich besser, der vorher vor allem mit sich selbst gehadert hatte, da war Christoph Eimer wieder ganz der Alte. Endlich wurde er einmal zum besten Spieler des Turniers gewählt. Das hätte er spätestens in Kuala Lumpur verdient gehabt. Seltsam, daß er auch in Deutschland noch bei keiner Wahl zum Hockeyspieler des Jahres nominiert war. Das sage ich nicht, weil ich auch an dieser Stelle keinen Hehl daraus mache, in ihm die Verkörperung aller Hockeytugenden zu sehen. Sie müßten einmal unsere Spielbesprechungen miterleben. Da sitzen keine tumb nickenden Ja-Sager, da wird gemeinsam mit dem Trainer nach der besten taktischen Marschroute gesucht. Christoph Eimer hat dabei meistens die analytisch herausragenden Gedanken, aber angefangen von den Torhütern bis zu den Stürmern, hier vor allem Björn Michel, bringen alle ihre Gedanken ein. Es spricht für Bernhard Peters Souveränität, daß er diesen offenen Dialog mit den Spielern pflegt und deren Gedanken aufnimmt. Egal, welchen Spieler man nimmt, alle haben Ihren hervorragenden Beitrag zum Gelingen geleistet. Angefangen beim Torhüter Steffen Erlewein, für den sich Bernhard Peters als Nr. 1 entschieden hatte und der hervorragende Leistungen in Santander zeigte. Der Elektro-Ingenieur aus Bad Dürkheim war, das zeigt auch unsere Torbilanz, nahezu unüberwindlich. Ihm nur geringfügig nach stand der scheinbar ewige Zweite und schon tragische Held "Schüti" Schulte. Aber "CD" Christian Domke hatte im Endspiel ein Einsehen und verursache vier Minuten vor Ende einen 7m. Schüti kam, sah und hielt. Und blieb bis zum Ende im Tor. Ebenso glänzend unsere Verteidigungsreihen. Die antizipieren alles und fast jeder gegnerische Angriff (wenn die Bälle nicht vor lauter Verzweiflung lang ins Toraus gehen) landen auf den Brettern von Hupe, Christian Domke, dem technisch brillanten und immer wieder vorwärts drängenden Björn Emmerling oder Buddy Biederlacks. Tibor Weißenborns Fähigkeiten der Antizipation sind sicherlich am spektakulärsten, auch aus kürzestem Abstand landet der Ball auf Tibses Schläger, aus jedem Gewusel taucht der 21-jährige Berliner als Sieger auf und strebt unaufhaltsam dem Tor entgegen. Über die guten Stürmerleistungen in den Finalspielen habe ich ja schon berichtet. Ein runder Erfolg von Trainer und Team.

Trostlose EM

Glück hatte der Staff. Ich habe den Junx nicht verraten, was den Schweizer Kollegen widerfahren ist. Die hatten sich darauf eingelassen, bei einem Medaillengewinn der Schweizer ein Nacktbad im Atlantik zu nehmen. Wir hätten ohnehin abfahren müssen und Badegäste waren tatsächlich auch an diesem milden Januarsonntag in Santander im Wasser zu sehen. Leider war auch das Umfeld dieser Europameisterschaften etwas trostlos. Erst zum Endspiel 1500 Fans, die einmal mehr hofften, daß die Serie endlich bricht. Das hatten auch die Schweizer nach Einzug ins Halbfinale getönt und damit die deutsche Mannschaft erst richtig motiviert, weiter den Nimbus der Unschlagbarkeit zu verteidigen. Keine Lautsprecheransagen der Torschützen, in der Halle nicht einmal die Möglichkeit, einen Kaffee zu kaufen. Nebenan wurden Feldhockeyspiele ausgetragen. "Stell Dir vor, es ist Europameisterschaft und keiner geht hin." So waren auch nur regionale Kamerateams vor Ort und die vom deutschen Fernsehen geplanten Bilder nicht zu erhalten. Kein einziges Bild vermutlich auch heute in deutschen Zeitungen, nur regionale Fotografen vor Ort. Schade für die Junx, aber auch schade für die Darstellung von Hockey. So war es nur kennzeichnend, daß auch die EM-Trophäe nicht zur Stelle war. Sie steht wohl noch in Hürth – seit 29 Jahren. Der Transport hätte auch nur unsere Übergepäckflugkosten erhöht. In Leipzig wird sich Hockey sicherlich ganz anders darstellen. Damit es richtig Spaß macht, sind aber vor allem volle Ränge gefragt. Dafür können nur Sie sorgen. Wir hoffen, Sie alle in Leipzig zu sehen. Das wäre die größte Freude, die Sie den Junx machen könnten. Auf Wiedersehen in Leipzig.

PS

Zwei Nachträge: besondere Anerkennung findet Hockey dagegen in Neumünster. Zum dritten Mal in Folge wurde Eike Duckwitz am Freitag zum Sportler des Jahres seiner Heimatstadt gewählt, wenn ihm das noch einmal gelingen sollte, dann wäre er die ewige Nr. 1 bei dieser Wahl. Und noch kübelweise Asche über mein Haupt: Santander gehört nicht zum Baskenland - auch mein Brockhaus sagt das so –, sondern zur Region Kantabrien. Vater Emmerling und Uli Forstner, die mich auf diesen kapitalen Fehler aufmerksam machten, haben völlig Recht. Und Andi Neuking kann in Leipzig auf doppelte Revanche hoffen. Nicht nur die nächste Runde ist meine.


Bleiben Sie uns verbunden –

HockeyHerzlichst

  Foto: Dieter Reinhardt (info@direvi.de)

Björn Michel und Christoph Bechmann 1999 beim Gewinn des Europameister-Titels


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Foto: Dieter Reinhardt (info@direvi.de)

Clemens Arnold, Björn Emmerling und Philip Crone mit der Hallen-EM-Trophäe


Foto: Herbert Bohlscheid (www.sportfoto.tv)

Jamilon Mülders war nach dem Gewinn des WM-Titels Ziel mancher Autogramm-jäger


Foto: Dieter Reinhardt (info@direvi.de)

Mannschaftsarzt Dr. Andreas Neuking mit Oliver Domke bei der WM 2002 in Kuala Lumpur


Foto: Dieter Reinhardt (info@direvi.de)

Dr. Michael Green mit seiner Mutter bei der WM 2002 in Kuala Lumpur


Foto: Dieter Reinhardt (info@direvi.de)

WM 2002 in Kuala Lumpur - Philip Crone mit Fans und heißgeliebter Schokolade



Fotos
Dieter Reinhardt
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